Ethik

ALTERNATIVES PFLICHTFACH ETHIK“ (OBERSTUFE) (seit 1997/98)

PHILOSOPHIEREN MIT KINDERN (UNTERSTUFE; 1.,2. Klasse) (seit 2010/11)

BILDUNGS- und LEITZIELE

Im Ethikunterricht (Philosophieren mit Kindern) soll eine fundierte Auseinandersetzung mit Grundfragen des Lebens stattfinden. Die Schüler_innen sollen Sachkenntnisse über grundlegende Fragen menschlichen Lebens und Zusammenlebens erwerben und in der Reflexion ethischer Probleme diese in einem systematischen Zusammenhang behandeln.

In der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen weltanschaulichen, kulturellen und religiösen Traditionen soll der Ethikunterricht einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung im individuellen Orientierungsprozess der Schüler_innen leisten, sowie die Bereitschaft stärken, Verantwortung für das eigene Leben, für das Zusammenleben mit anderen in sozialen, ökonomischen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnissen zu übernehmen.

Ausgangspunkt für den Ethikunterricht (Philosophieren mit Kindern) ist die Lebenswelt der Schüler_innen, in der sie mit unterschiedlichen Sinnangeboten, Orientierungen und Lebensperspektiven konfrontiert sind.  Grundlagenwissenschaften bei der Strukturierung der Lerninhalte sowie für die Durchführung des Unterrichtes sind Philosophie, Anthropologie, Ethik, Politik und Religion.

Leitziele sind:

  • bei den Schüler_innen ein Verständnis für jene Werte zu vermitteln, die die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben der Menschen darstellen.
  • vor dem Hintergrund der Pluralität von Bekenntnissen und Weltanschauungen die Spannung zwischen dem individuellen Anspruch auf selbstbestimmte Lebensgestaltung und verbindlichen Grundwerten zu thematisieren.
  • die Schüler_innen zu befähigen, innerhalb der Vielfalt ethischen Denkens begrifflich zu differenzieren, um zwischen Werten, Interessen, Normen und Imperativen zu unterscheiden.
  • eine begründete ethische Urteilsbildung durch Kenntnis der kulturellen, geistigen und religiösen Wert- und Sinntraditionen und der Reflexion unterschiedlicher Wertvorstellungen und Menschenbilder zu ermöglichen.
  • den Schüler_innen die Bedeutung ethischer Grundsätze und Wertvorstellungen für verantwortliches Handeln bewusst zu machen.
  • bei den Schüler_innen durch Erwerb von Urteils-, Entscheidungs-, und Handlungskompetenz einen Beitrag zu deren eigenständigen Lebensgestaltung zu leisten.

GENESE UND LEGITIMATION VON ETHIKUNTERRICHT (Praktische Philosophie)

Ethikunterricht in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft[1]

Dass sich das Fach Ethik in der Schule etabliert hat, wenn auch in unterschiedlichem Maße und unter schwierigen Bedingungen, ist eine kaum bestreitbare Tatsache. Ebenfalls ist kaum bestreitbar, dass  in einer modernen  pluralistischen Gesellschaft, die in hohem Maße von Migration und kultureller Vielfalt geprägt wird, die Auseinandersetzung mit grundlegenden Werten und ihrer normativen Vorgaben, die für alle Mitglieder der Gesellschaft gelten können, von immanenter Bedeutung ist.

Auf die Frage „Wozu Ethikunterricht in der Schule“? wird im Folgenden kurz eingegangen.

  1. Legitimation von Ethik im Fächerkanon der Schule

Entscheidend für die Einführung eines neuen Unterrichtsfaches ist einerseits die geltende Leitidee von der Schule, ausgedrückt in obersten Bildungs- und Erziehungszielen andererseits veränderte gesellschaftliche Anforderungen bzw. Herausforderungen sowie neue Wissenschaftsdisziplinen oder wissenschaftliche Erkenntnisse.

Jedes neue Schulfach muss deshalb, ganz gleich, aus welchem Grund es eingeführt wird, drei Voraussetzungen erfüllen:

  1. Es muss der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu ganzheitlichen und möglichst allseitig entfalteten, gesunden Persönlichkeiten dienlich sein.
  2. Es muss der Enkulturation durch die Institution Schule zuarbeiten, d.h. die Inhalte der Kultur, die es um der Identität der Mitglieder einer Gesellschaft willen zu tradieren und weiterzuentwickeln gilt, aufgreifen.
  3. Es muss zum Leben in der jeweils aktuellen gesellschaftlichen Realität passen, um sie durchschauen und in Richtung auf mehr Humanität transzendieren zu helfen.

Begründen lässt sich der Unterrichtsgegenstand zum einen aus den Besonderheiten der menschlichen Seins- und Lebensweise, zum anderen aus der für Kinder und Jugendliche unbestrittenen Notwendigkeit des Hineinwachsens in die bestehende Kultur und des Umgehens mit ihr, sowie zum dritten muss er einen notwendigen Beitrag zum geordneten, selbstbestimmten Zusammenleben des Einzelnen/der Einzelnen mit anderen in Freiheit und Gleichheit leisten.

Didaktisch legitimiert ist ein Unterrichtsfach mit seinen Lehrinhalten infolgedessen nur, wenn es für die Schülerinnen und Schüler von heute individuelle, kulturelle und soziale Relevanz zugleich besitzt.

  • Anthropologische Legitimation

Die Pädagogische Anthropologie- insbesondere ihre geisteswissenschaftlich-philosophische Richtung- geht argumentativ von der humanen Selbsterfahrung aus und bestimmt als allgemeine Strukturmerkmale des Menschen Selbstbestimmung, Reflexivität, Sinnverwiesenheit, Freiheit, Interpersonalität (Sozialität), Leiblichkeit und das Transzendieren.

Unter dem Gesichtspunkt der Legitimation als Unterrichtsfach geht Ethik vor allem auf den Menschen als reflektierendes, sinnverwiesenes, freies und transzendierendes Wesen ein. Für das Fach Ethik ist grundlegend, dass der Mensch ein gedanklich und sprachlich vermitteltes Mitmensch und Weltverhältnis hat, bei dem er sich bestimmten Verhaltensregeln unterwirft, also Bewusstsein für Normen beweist (Reflexion).

  • Kulturtheoretische Legitimation

Die Schule hat die Aufgabe der Enkulturation zu erfüllen, d.h. die Heranwachsenden in die kulturellen Lebensformen einzuführen und sie zur Weiterentwicklung der Kultur zu befähigen. Dazu muss sie zum einen den Schülerinnen und Schülern von heute die Wurzeln der „abendländischen“ Kultur und die gegenwärtig vorherrschenden kulturellen Verhaltensformen und Verhaltensmuster verstehbar machen. Zum anderen muss sie Kindern und Jugendlichen zur Kulturfähigkeit und Kulturmündigkeit (im Sinne einer verantwortlichen, die Humanität fördernden Weiterentwicklung der einzelnen Kulturgebiete) verhelfen.

  • Gesellschaftstheoretische Legitimation

Plurale Gesellschaften mit einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung haben  einen normativen Minimalkonsens zur Voraussetzung, zu dem wesentlich die Achtung vor den im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechten gehört. Traditionell beinhaltet er aber auch prosoziales Verhalten, Fairness, Solidarität und Empathie, umfasst die Respektierung des weltanschaulichen Pluralismus und das Offenhalten der Frage nach dem letzten Sinn von Mensch und Kosmos.

Das Menschen- und Weltbild  auf das sich die ethisch-moralischen Prinzipien des demokratischen Ethos in letzter Konsequenz zurückführen lassen, ist durch den Humanismus in Handlungsmaximen und Rechte gefasst worden, die mit der Vernunft einsehbar und rational-diskursiv legitimierbar sind.

Als Unterrichtsfach kommt es deshalb dem Fach Ethik zu altersgerecht  auf Fragen dieser Art einzugehen.

Aus den vorgenannten Gründen erscheint ein eigenes Unterrichtsfach Ethik gerechtfertigt und notwendig. Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften, Humanwissenschaften und Sozialwissenschaften gehören gemeinsam zum Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule, auf dass sich Schülerinnen und Schüler zu ganzheitlichen Persönlichkeiten entfalten können.

  1. Ethikunterricht -Eine demokratiepolitische Notwendigkeit[2]

Für den Philosophen Dr. Konrad Paul Liessmann ist Ethik Ausdruck des Willens der Menschen, die Fragen ihres Zusammenlebens weder einen Gott noch einer Kirche zu überlassen, sondern ihrer eigenen Souveränität und Vernünftigkeit zu überantworten.

Die Dringlichkeit des Ethikunterrichtes ist für ihn aus zweierlei Gründen gegeben: In einer säkular ausgerichteten pluralistischen Gesellschaft gibt es kein tradiertes Werte- und Normensystem, das von allen Akteurinnen und Akteure  eines Erziehungs- und Bildungsprozesses fraglos vorausgesetzt und weitergegeben werden könnte. Eine säkulare Gesellschaft müsse sich deshalb auch über ihre geistigen Fundamente, ihre grundlegenden Werte und normativen Vorgaben stets aufs Neue verständigen.

Die Formulierung und die Diskussion solcher Grundlagen kann nur eine säkulare Ethik liefern, die unterschiedlichen religiösen und nichtreligiösen Moralvorstellungen einen gemeinsamen Rahmen geben muss.

Ethikunterricht  ist unter diesem Gesichtspunkt auch eine gesellschafts- und kulturpolitische Notwendigkeit. Ethikunterricht muss ein für alle Schülerinnen und Schüler verbindliches Pflichtfach zumindest in der Sekundarstufe II sein.

  1. Kann der Ethikunterricht diese Forderungen erfüllen?

Die Evaluierung der Schulversuche  im Auftrag des BMUKK durch Universitätsprofessor DDr. Anton Bucher  im Jahr 2000 brachte folgende positive Ergebnisse.[3]

  • Der Ethikunterricht wird von den Schülerinnen und Schüler mehrheitlich „gut“ bis „sehr gut“ benotet; nur jede/r Fünfundzwanzigste gibt ihm eine ungenügende Zensur.
  • Das Fach wird überwiegend locker und abwechslungsreich beurteilt. Deutlich mehr als die Hälfte hält es für wichtig.
  • Religionsunterricht ist für eine deutliche Mehrheit altmodisch, eintönig, nicht nützlich und unwichtig.
  • Knapp die Hälfte ist überzeugt, dass in Ethik Gelernte sei für das Leben nützlich (ethische Reflexion, Toleranz, Empathie, kommunikative Kompetenzen); Lerneffekte, die mit den Präambeln der Ethik-Lehrpläne übereinstimmen und im Sinne des Zielparagraphen 2 des SCHOG sind.
  • Die Erwartungen an Ethik beziehen sich am häufigsten auf Diskutieren, sodann auf andere Religionen, schließlich auf aktuelle Themen.
  • Knapp die Hälfte sieht die Erwartungen überwiegend bis ganz bestätigt, ein Drittel teils und nur acht Prozent überhaupt nicht. Ob die Erwartungen erfüllt werden, hängt von den Themen ab, „guten“ Methoden, die Aktivität ermöglichen (Kompetenzen der Lehrerinnen und Lehrer).
  • Besonders ungünstig kann es sich auswirken, wenn Ethikschülerinnen und-schüler zum Eindruck gelangen, dass sich Ethik von der- überwiegend abgelehnten- Religionslehre nicht unterscheidet, sei es wegen der Inhalte, sei, es- dies seltener- wegen der Lehrperson.
  • Knapp drei von vier Schülerinnen und Schüler gedenken die Teilnahme fortzusetzen- Begründung qualitativ gutes Fach.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Schülerinnen und Schüler dem Ethikunterricht als stärkste Lerneffekte (über 80%) bescheinigen , in ethischer Reflexion und im argumentativen Begründen moralischer Urteile gefördert worden zu sein, sodann Toleranz und Empathie gelernt zu haben: Ethikschülerinnen und -schüler neigen zu mehr ethischer Handlungsbereitschaft und zu weniger Ausländerfeindlichkeit und Relativismus.

Der Evaluationsexperte empfiehlt aufgrund seiner Studienergebnisse den Ethikunterricht ins Regelschulwesen  einzuführen. An öffentlichen Schulen muss ethische Bildung aller Kinder und Jugendlicher Vorrang haben.

  1. Fazit

Aufgabe der Schule, die sich nicht nur als Ausbildungs-, sondern als Bildungsstätte versteht, ist  Kinder und Jugendliche intellektuell und emotional zu  befähigen, ihr persönliches, berufliches und politisches Leben selbstverantwortlich und autonom zu gestalten.

Aufgabe des Ethikunterrichtes ist kritisch in jene Denktraditionen und Lebensformen einzuführen, die die Basis unserer Gesellschaft darstellen. In der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen weltanschaulichen, kulturellen und religiösen Traditionen leistet der Ethikunterricht einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung im individuellen Orientierungsprozess der Schülerinnen und Schüler. Er soll die Bereitschaft stärken, Verantwortung für das eigene Leben, für das Zusammenleben mit anderen in sozialen, ökonomischen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnissen zu übernehmen.

Auf gesellschaftliche Veränderungen und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts (Migrationsbewegungen) muss auch die Bildungspolitik reagieren.

Drin  Anita Kitzberger

 

 

[1] Vgl. Liessmann Konrad Paul: Ethikunterricht –Eine demokratiepolitische Notwendigkeit. Parlamentarische Enquete „Werteerziehung durch Religions- und Ethikunterricht in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft”, 4. Mai 2011.

[2] Bucher A. Anton: Ethikunterricht in Österreich. Bericht der wissenschaftlichen Evaluation der Schulversuche „Ethikunterricht“: Im Auftrag des BMUKK, 2000.

[3] Vgl. Wiater Werner: Ethikunterrichten. Einführung in die Fachdidaktik. Stuttgart 2011, S.13ff.