Fluxus - was ist das? Es handelt sich dabei um eine Anfang der sechziger Jahre entstandene neodadaistische Bewegung, deren Ziel es war, die Grenzen zwischen den Künsten, zwischen Kunst und Leben fließend zu gestalten (fluxus = das Fließende), den traditionellen Kunstbegriff umzustoßen, Kunst und Leben miteinander in Einklang zu bringen.

In letzter Konsequenz gehe es darum, die schönen Künste zu eliminieren und dafür das Augenmerk auf „sozial-konstruktive Ziele“ zu richten, „etwa auf die angewandten Künste“.

Mit dem Aachener Festival der neuen Kunst am 20. Juli 1964 im Audimax der Technischen Hochschule gelang Beuys der Sprung in die erste Reihe der internationalen Aktionskünstler. Der ehemalige Kölner Beuys-Galerist Helmut Rywelski (Art intermedia) hat das Spektakel damals in der Zeitschrift Neues Rheinland so geschildert:

„Das Absurde: Professor Beuys von der Kunstakademie in Düsseldorf war nach Aachen gekommen, um ein Klavier mit Waschpulver der Marke Omo zu füllen. Der Akteur hob den Deckel des Klaviers hoch, kippte das Pulver hinein, klimperte auf den Tasten und war nicht zufrieden mit dem erzielten Klangvolumen; aber das ließ sich ändern. Beuys fand allerlei Unrat in einem Papierkorb, er entleerte selbigen ins Klavier; die Töne schienen ihm jetzt schon mehr Freude zu bereiten, und dennoch waren Beuys' Töne schließlich Geräusche, die zwar am Klavier, nicht aber aus dem Klavier entstanden. Der Kunstgelehrte aus Düsseldorf organisierte sich einen Elektrobohrer und ließ ihn ins Holz des Klaviers bohren; das war's, was seinen Ohren wie Musik klang.“

Es passiert an diesem Abend noch mehr: Irgendein Akteur spielt ein bearbeitetes Tonband der berüchtigten Berliner Sportpalastrede von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels ab. Über dem Tumult im Audimax kreischt seine Stimme: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Ein unbeschreiblicher Lärm bricht aus. Währenddessen bringt Beuys auf einem Kocher Fettblöcke zum Schmelzen. Dann gibt es eine Explosion, eine Säureflasche kippt um, Zuschauer stürmen die Bühne, ein Student entdeckt ein Loch in seiner Hose und will dafür Beuys als Täter zur Rechenschaft ziehen. Doch der weist ihn zurück. Darauf versetzt der empörte Student Beuys einen Fausthieb auf die Nase, die zu bluten beginnt. Und genau in diesem Augenblick beginnt die Legende Joseph Beuys. Denn siehe, er hat wunderbarerweise einen Holzkruzifixus mit ausdehnbarem Sockel bei sich. Er hält dieses Pneumatische Kreuz in seiner linken Hand hoch, reckt die Rechte zum Gruß, Blut tropft aus seiner Nase. Ein Fotograf ist zur Stelle, der diese schamanistische Szene für die Ewigkeit festhält.

Das erste Fluxus-Solo von Beuys Der Chef findet im August 1964 in Kopenhagen im Schloss Charlottenburg statt; am 1. Dezember wiederholt Beuys dieses Stück in der Berliner Galerie Rene Block: „Der Chef, Fluxus-Gesang“.

Das Stück ist dennoch für zwei Spieler konzipiert - aber der Mitspieler von Beuys ist weit weg, in New York, es ist der Amerikaner Robert Morris, wie Beuys ein Filzliebhaber, der dort genau zur selben Zeit - gewissermaßen synchron - den gleichen Fluxus-Gesang aufführt. Das sieht in Berlin so aus: Beuys wickelt sich Punkt 16 Uhr in eine Filzrolle ein, an beiden Enden liegt je ein toter Hase, links an der Wand, parallel zur Fußleiste, ist ein Fettstreifen aus Margarine ausgelegt, darüber befindet sich ein Büschel Haare, daneben sind zwei Fingernägel installiert. In drei Raumecken gibt es Fettecken, in der vierten ein Fettquadrat. Links neben der Rolle mit Beuys liegt ein mit Filz eingewickelter Kupferstab, auf der anderen Seite steht eine Verstärkeranlage.

Beuys gibt in unregelmäßigen Abständen über Mikrophon und Verstärker Geräusche von sich - man hört sein Atmen, er röchelt, hustet, zischt, pfeift, seufzt. Dazu werden über ein zweites Tonbandgerät, ebenfalls in unregelmäßigen Abständen, Kompositionen von Eric Andersen und Henning Christiansen abgespielt. Nach acht Stunden, Punkt Mitternacht, steigt Beuys aus der Filzrolle, lächelnd, sehr erwärmt, sagt den Leuten, die es hören wollen, dass dies die Demonstration eines plastischen Prinzips gewesen und dass es ihm darauf angekommen sei, stellvertretend für die toten Hasen Informationen abzugeben, etwa in dem Sinne, dass die menschliche Sprache auch Elemente des Tierischen habe. Andererseits weist Beuys darauf hin, dass man den Titel der Aktion Der Chef - wie viele seiner Aktionstitel - als eine Art Code nehmen könne. Der Chef, das sei eben immer derjenige, der zu sagen habe. Der Chef sei aber auch jeder einzelne, wenn er die Selbstbestimmung ernst nehme. Der Chef - das sei der eigene Kopf.

Am 26. November 1965 macht Beuys den Hasen zum Hauptdarsteller einer Aktion. Titel: Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt. Ort: Galerie Schmela in Düsseldorf, die sich früh und mit Vehemenz für Beuys eingesetzt und viel zu seinem Ruhm beigetragen hat. Beuys sitzt in einer Galerieecke neben der Eingangstür auf einem Stuhl. Er hat seinen Kopf mit Honig übergossen und darin echtes Blattgold im Wert von DM 200,- eingeklebt. Er hält einen toten Hasen im Arm, schaut ihn unentwegt an. Dann steht er auf und geht mit dem toten Hasen im Arm durch den Raum, hält ihn dicht an die an der Wand hängenden Bilder - es sieht aus, als spräche er mit dem toten Hasen. Manchmal unterbricht er diese Führung und steigt mit dem toten Tier über einen verdorrten Tannenbaum hinweg, der mitten in der Galerie liegt. Alles ist von unbeschreiblicher Zärtlichkeit und von großer Konzentration.

Beuys und Christiansen treten auch anlässlich der Eröffnung der Ausstellung Fettraum am 20. März 1967 in der Galerie Franz Dahlem in Darmstadt mit einer Aktion hervor: Hauptstrom, ein Hauptbegriff für Beuys. Während Christiansen vier Tonbänder mit Musik- und Sprachfetzen manipuliert, agiert Beuys zehn Stunden lang in einem Raum, an dessen Wänden entlang er einen Wall von Margarine gezogen hat, den er immer wieder verändert. Dann beißt er ab und zu in Fett, legt seine Zahnabdrücke auf den Fußboden, drückt sich Margarine in die Kniekehlen und Achselhöhlen und deponiert die so gewonnenen Plastiken ebenfalls am Boden. Zwischendurch hüpft er wie ein Hase im Raum umher.

Mit Christiansen gibt Beuys im März 1969 im Städtischen Museum Mönchengladbach ein weiteres Fluxus-Konzert: ... oder sollen wir es verändern? Beuys spielt Klavier, sein Partner Geige. Beuys schluckt Hustensaft, nimmt Nasentropfen, Christiansen schaltet ein Tonband ein, eine Männerstimme ist zu hören: "Jajajajaja, nänänänänä". Dazu Vogelstimmen, Sirenengeheul, Geräusche von der Straße, elektronische Klänge. Beuys spielt auf einer Kinderflöte und manchmal auf dem Klavier, nimmt wieder Hustensaft ein, hustet ins Mikrophon, verziert den Notenständer mit Sauerkraut. Derweil produziert Christiansen auf seiner Geige quietschende Töne, raucht eine Pfeife, nimmt eine grün angestrichene Geige zur Hand, schabt darauf herum, drückt auf Gummibälle.

Beuys hat einmal gesagt, dass auch das Akustische Plastik sei, dass man Plastik hören könne. Er führt häufig Hör-Plastik vor. So auch bei der Immatrikulationsfeier im Herbst 1967 in der Düsseldorfer Kunstakademie: Beuys erscheint mit einer Axt in der Hand und eröffnet die Feier mit einem zehnminütigen Solo aus Bellen, Pfeifen, Zischen, Röhren in das Mikrophon. Wer Beuys je redend agieren sah, dem musste auffallen, wie stark dieses Reden bei ihm als Plastik ausgebildet war.

Ende Mai 1969 ist Beuys im erlauchten Kreis von Goethe, Claus Peymann, William Shakespeare und Wolfgang Wiens zu sehen, und zwar im Rahmen der von der Deutschen Akademie der darstellenden Künste veranstalteten experimenta 2 in Frankfurt am Main. Auf der Bühne steht ein richtiges Pferd, ein Schimmel, der in einer aus Seilen gespannten Koppel Heu frisst. Beuys agiert davor mit Mikrophon, Zucker, Margarine, legt sich von Zeit zu Zeit ein Eisenstück auf den Kopf, bedient ein Orchesterbecken. Er trägt einen langen Pelzmantel und zitiert, interpretiert und kommentiert durch entsprechende Gesten Texte aus Shakespeares Titus Andronicus und Goethes Iphigenie auf Tauris, während auf einem Tonband Textmontagen aus beiden Dramen - von Peymann und Wiens mit monotoner Stimme vorgetragen - zu hören sind.

Einem anderen Projekt war dagegen ein grandioser Erfolg beschieden – 7000 Eichen anlässlich der documenta 7 1982 in Kassel. Dort pflanzte Beuys am 19. Juni, dem Eröffnungstag der Ausstellung, den ersten Baum auf dem Friedrichsplatz vor dem Museum Fridericianum, und dort wollte er fünf Jahre später, am ersten Tag der documenta 8, die letzte der 7000 Eichen pflanzen. Der Tod hindert ihn daran. Aber die Idee zündete. "Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" heißt damals, 1982, Beuys' Parole. Sein Plan: Im Rahmen einer großen ökologischen Aktion sollen 7000 Eichen im Stadtgebiet von Kassel gepflanzt werden - und neben jeder gepflanzten Eiche soll eine 1,20 m hohe Säule aus Basalt stehen. Kostenpunkt für den Erwerber des Beuysschen Werks einschließlich Transport, Pflanz- und Aufbauarbeit: 500 Mark. Die Gesamtkosten werden auf rund 4 Millionen Mark geschätzt. Es gibt - neben einer Spendenbestätigung - ein von Beuys signiertes Baumdiplom mit dem Stempel der "Free International University".

Als die 7000 Basaltblöcke 1982 auf dem Friedrichsplatz zu einem keilförmig strukturierten Gebirge aufgetürmt werden, hagelt es Proteste der Bürger. Die Rede ist von einer Verschandelung der "guten Stube" von Kassels City. Das "ökologische Zeichen", das Beuys setzen will, möchten sie nicht akzeptieren. Autofahrer befürchten den Verlust ihrer Stellplätze, andere treibt die Sorge, dass die ungestüme Stadtverwaldung sich eines Tages, wenn die Bäume hoch und höher wachsen, als Gefahr für die Gas- und Stromversorgung erweisen könnte.

Freilich: Das Kasseler Koordinierungsbüro 7000 Eichen kann stolze Erfolgsmeldungen herausgeben: Ortsbeiräte, Vereine und Bürgerinitiativen machen Standortvorschläge, zahlreiche Außenanlagen von Schulen und Kindergärten, viele Spielplätze können mit Beuys-Bäumen begrünt werden, ja es gibt auch genügend Bürger, die keine Vorurteile haben oder sie überwinden konnten und die dazu beitragen, dass die Bäume in ihren Straßen in den Himmel wachsen dürfen. Allerdings sind die meisten Bäume - neben Eichen noch Eschen, Linolen, Plantanen, Ahorne, Kastanien etc. - gespendet worden, zu einem kleinen Teil von Kasseler Bürgern und Institutionen, zum größten Teil von auswärtigen Sponsoren; die Japaner schießen mit weit über 1000 Patenschaften den Vogel ab. Als Beuys stirbt, sind 5500 Bäume gepflanzt. Hätte er seinen 65. Geburtstag am 12. Mai 1986 noch erlebt, wäre er über die Nachricht, dass inzwischen 6100 Bäume mitsamt den Basaltblöcken in Kassel ihren festen Standort gefunden haben, sicherlich sehr glücklich gewesen. Zur Eröffnung der 8. documenta am 12. Juni 1987 pflanzt Sohn Wenzel im Beisein von Eva Beuys das 7000. Stück. Kassel hat somit eine über Jahre gewachsene Plastik erhalten, die wohl die größte ökologische Plastik auf der Erde ist.

Aus: Heiner Stachelhaus, Joseph Beuys. List Taschenbuch, Berlin 2006, ISBN-13: 978-3-548-60607-1