GRG 23 im Parlament

Parlamentarische Enquete „Werteerziehung durch Religions- und Ethikunterricht in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft“

Seit 1997/98 wird Ethik als „Alternativer Pflichtgegenstand“ (Schulversuch) in der Sekundarstufe II von der 5. bis zur 8. Klasse geführt. Das GRG 23, Anton-Baumgartnerstraße 123, mit Dir. HR Dr. Braunstein war eine der ersten Schulversuchschulen in Österreich. Seither ist die Zahl der Schulen in ganz Österreich kontinuierlich gestiegen (Stand Schuljahr 20010/2011, 194). Grundsätzlich sind an den Versuchsschulen die SchülerInnen, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen oder konfessionslos sind, zum Besuch des Ethikunterrichts verpflichtet. Zu diesem Thema fand Anfang Mai 2011 eine hochkarätig besetzte Veranstaltung im Parlament statt.

   
Dr.in Claudia Schmied   DDr. Anton Bucher   Dr. Paul Michael Zulehner

In Ihrer Eröffnungsrede wies Frau Bundesministerin Claudia Dr.in Schmied (SPÖ) auf die Bedeutung von „Ethik“ in einer pluralistischen Gesellschaft hin und betonte den Bildungsauftrag der Schulen zur Stärkung der Identität, der Verantwortung jedes/r Einzelnen für die Gemeinschaft, sowie die Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Werten, wie Weltoffenheit, Anerkennung aller Menschen ohne Anschauung ihrer Herkunft, Religion, Kultur, Geschlecht zu festigen, um eine solidarische und lebenswerte Gesellschaft zu erhalten. Der Ersatz des Religionsunterrichts durch Ethik ist für die Frau Bundesministerin durchaus vorstellbar. Es könnte ein für alle verbindliches Unterrichtsfach geschaffen oder Ethik generell als Querschnittsthema in anderen Fächern behandelt werden.

Positiv zum Ausbau des Ethikunterrichts äußerte sich auch der Bundesminister für Wissenschaft und Forschung Dr. Karlheinz Töchterle (ÖVP). Er hob die enge Verbindung der christlichen Religion mit der antiken Ethik hervor. Daher gibt es für ihn auch keinen wirklichen Gegensatz zwischen Ethik und christlicher Religion. Man sollte auch ein „kluges ergänzendes Miteinander“ sehen, wenn jemand keine religiöse Unterweisung wünsche, dann soll ein Ethikunterricht zur Erziehung in der Gemeinschaft beitragen.

Die Enquete wurde mit Impulsreferaten von Universitätsprofessor DDr. Anton Bucher (Sozialwissenschafter), Universitätsprofessor Dr. Konrad Paul Liessmann (Philosoph) und Universitätsprofessor Dr. Paul Michael Zulehner (Theologe) fortgesetzt.

Universitätsprofessor DDr. Anton Bucher präsentierte in seiner Rede die Studienergebnisse der Evaluierung der Schulversuche in Österreich im Jahr 2000. Demnach brachte diese sehr positive Ergebnisse. Als stärkste Lerneffekte (über 80%) bescheinigen die SchülerInnen dem Ethikunterricht, in ethischer Reflexion und im argumentativen Begründen moralischer Urteile gefördert worden zu sein, sodann Toleranz und Empathie gelernt zu haben: EthikschülerInnen neigen zu mehr ethischer Handlungsbereitschaft und zu weniger Ausländerfeindlichkeit und Relativismus. Der Evaluationsexperte empfahl aufgrund seiner Studienergebnisse den Ethikunterricht in allen Staaten der EU ins Regelschulwesen einzuführen. Sein abschließendes Postulat: An öffentlichen Schulen muss ethische Bildung aller Kinder und Jugendlicher Vorrang haben.

   
Dr. Konrad Paul Liessmann   HR Dr. Dieter Braunstein   Dr.in Anita Kitzberger

Für den Philosophen Dr. Konrad Paul Liessmann ist Ethik Ausdruck des Willens der Menschen, die Fragen ihres Zusammenlebens weder einen Gott noch einer Kirche zu überlassen, sondern ihrer eigenen Souveränität und Vernünftigkeit zu überantworten. Die Dringlichkeit des Ethikunterrichtes ist für ihn aus zweierlei Gründen gegeben: In einer säkular ausgerichteten pluralistischen Gesellschaft gibt es kein tradiertes Werte- und Normensystem, das von allen AkteurInnen eines Erziehungs- und Bildungsprozesses fraglos vorausgesetzt und weitergegeben werden könnte. Eine säkulare Gesellschaft müsse sich deshalb auch über ihre geistigen Fundamente, ihre grundlegenden Werte und normativen Vorgaben stets aufs Neue verständigen. Er stellt dezidiert fest, dass „Ethikunterricht eine demokratiepolitische Notwendigkeit darstellt. Ethik muss ein für alle SchülerInnen verbindliches Pflichtfach zumindest in der Sekundarstufe II sein.“

Nach den Impulsreferaten wurde die Parlamentarische Enquete mit einer ersten ExpertInnen-Diskussionsrunde fortgesetzt. Das Panel bildeten Sozialwissenschaftler und Bildungsexperten. Sie waren sich alle darin einig, dass es Aufgabe der Schule ist Werte zu vermitteln und daher die Forderung nach Einführung eines Unterrichtfaches „Ethik“ auf breite Zustimmung stoße. Allerdings waren sich die DiskussionsteilnehmerInnen uneinig, ob es einen verpflichtenden Ethikunterricht für alle SchülerInnen geben solle oder nur für jene, die keinen Religionsunterricht besuchen. Die Finanzierungsfrage bleibt aber weiterhin unbeantwortet.

In der anschließenden allgemeinen Diskussion wurde die Parlamentarische Enquete mit einer ExpertInnen-Runde fortgesetzt.

Dir. HR Dr. Dieter Braunstein wies auf die vielen positiven Erfahrungen hin, die er als Schuldirektor mit dem Schulversuch gemacht habe. Er bekräftigte, dass der Pflichtgegenstand Ethik von den SchülerInnen und den Eltern nicht nur akzeptiert, sondern auch eingefordert werde und es ist daher höchste Zeit ist - nach 14 Jahren, den Schulversuch als Regelunterricht flächendeckend einzuführen, denn derzeit müsse jede Werteinheit für den Ethikunterricht durch Streichung anderer Unterrichtsangebote erkämpft werden.

Ich wurde als Bildungsexpertin eingeladen, um über die derzeitige Ausbildung der EthikehrerInnen zu berichten. An den Pädagogischen Hochschulen und Universitäten (Wien, Graz) werden EthiklehrerInnen in berufsbegleitenden Lehrgängen ausgebildet. Zentrale Forderungen sind Rahmenlehrpläne für die Schulen und auch ein Curriculum für die zukünftige LehrerInnenausbildung zu erstellen. In einem eigenen Studienfach Ethik müssen neben den Grundlagen der philosophischen Ethiken auch Grundkenntnisse unterschiedlicher, auch religiös fundierter Moralvorstellungen und Normensysteme, vermittelt werden, die es erlauben, diese ohne ideologische oder konfessionelle Präferenz im Unterricht zur Sprache zu bringen.

Zum Schluss der Diskussion fassten die ParlamentssprecherInnen der politischen Parteien ihre Standpunkte zusammen. Das BZÖ lehnt ein entsprechendes Pflichtfach ab, während die Grünen sich für einen verpflichtenden Ethikunterricht aussprechen. SPÖ und ÖVP stehen dem Ethikunterricht grundsätzlich positiv gegenüber. Die FPÖ kann sich diesen nur vorstellen, wenn der Religionsunterricht zusätzlich bestehen bleibt.

Fazit dieser Enquete:

Große Zustimmung für die Einführung des Ethikunterrichtes als Unterrichtsfach österreichweit. Ob als Pflichtgegenstand (für alle) bzw. als Alternative für SchülerInnen, die an keinem konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen, ist dagegen noch heftig umstritten. Die Frage der Finanzierbarkeit, besonders in Zeiten des knappen Budgets, blieb jedoch als Damoklesschwert über dieser Enquete.

Dr.in Anita Kitzberger

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