Wiener Philosophieolympiade 2017/18

„Habe Mut Dich deines eigenen Verstands zu bedienen!“(Immanuel Kant)

GRATULATION

Nasim Neghabat, 8A erreichte den ausgezeichneten 8. Platz!
Leon Leonhartsberger, 8A den ausgezeichneten 10. Platz!

Neghabat Nasim
Es gibt keinen vorgezeichneten Weg, der den Mensch zu seiner Rettung führt; er muss sich seinen Weg unablässig neu erfinden. Aber er ist frei, ihn zu erfinden, er ist verantwortlich, ohne Entschuldigung, und seine ganze Hoffnung liegt allein in ihm.
Sartre im Interview mit Christian Grisoli: « Entretien avec Jean-Paul Sartre » Paru 13, Dez.1945, S.5-10

Ich denke, dass es keinen allgemeinen Sinn des Lebens gibt. Jeder muss für sich selbst entscheiden, warum er oder sie hier ist und was er oder sie daraus machen möchte. Wir Menschen fragen uns oft, ob unser Handeln determiniert ist oder nicht. Ich, von meiner Seite, postuliere den freien Willen eines jeden Menschen. Denn haben wir keinen freien Willen, so können wir unserem Leben keinen Sinn schenken und keine Verantwortung für unsere Taten tragen. Ein Leben ohne Sinn und Verantwortung wäre für mich aber nicht lebenswert.

Gehen wir einmal davon aus, dass jeder Aktion eine Reaktion folgt, der wiederum eine neue Reaktion folgt, der wiederum eine noch neuere Reaktion folgt. Jede Handlung und jeder Satz wäre nur ein winziger Teil in einer unendlich großen Kette aus diesen Reaktionen und alles, was passiert, würde nur passieren, weil es von etwas anderem, bereits Passierten, dazu veranlasst wurde. Stellen wir uns nun vor, es gäbe einen Computer, der ununterbrochen alle Daten, also alle Teile aus dieser Kette aus Reaktionen sammelt und diese verwertet und somit jeden Schritt, jedes Wort und jede andere Handlung vorhersagen kann. Dieser Computer wüsste von allem, was uns im Leben widerfahren ist, was uns beeinflusst hat, was wir vergessen haben, was uns beschäftigt und daher auch, wie wir unsere Entscheidungen abwägen. Dieser Computer wüsste, dass ich die eine Entscheidung auf eine Art treffe und eine Andere auf eine andere Art, abhängig davon welche Erfahrungen ich in ähnlichen Situationen bereits gemacht habe, welche Entscheidungen ich bereits getroffen habe und ob diese Entscheidungen Fehlentscheidungen waren oder nicht. Außerdem würde dieser Computer alle Umweltfaktoren mit einberechnen, also mit welchen Menschen ich über meine Entscheidungen spreche, welchen Rat mir diese geben (wieder abhängig von deren bereits geschehenen Erfahrungen), welches Wetter gerade ist und wie ich mich bei diesem Wetter fühle, welche Uhrzeit ist, wie viel Tageslicht ist, wie es mir körperlich, aber auch psychisch geht und alles andere auch. Durch ein Gerät, das all das berechnen könnte, könnte man genau nachvollziehen, warum und wie ich meine Entscheidungen, aber auch Fehlentscheidungen getroffen habe.

Stellen wir uns nun aber einen solchen Computer vor, durch den wir unsere Handlungen nicht nur im Nachhinein zurückverfolgen können, sondern einen Computer, der uns schon im Vorhinein zeigen kann, wie wir uns am wahrscheinlichsten verhalten werden. Er würde wieder alle Daten dieser Welt sammeln und die Wahrscheinlichkeit für alle Handlungsmöglichkeiten berechnen und dir die wahrscheinlichste Handlung und damit auch die wahrscheinlichsten Reaktionen auf dein Handeln vorher schon präsentieren. Dieser Computer könnte also in die am wahrscheinlichsten eintreffende Zukunft sehen und dir diese vorherbestimmen. Dazu ein kleines Beispiel:
Du hast ein Jobangebot auf der anderen Seite der Erdkugel bekommen und kannst dich nicht entscheiden, ob du diese Stelle annehmen sollst oder nicht. Selbst eine Pro- und Contraliste hat dir nicht weiter geholfen, also beschließt du dich dafür, im Computer nachzusehen, welche Entscheidung du am ehesten treffen würdest und welche Reaktionen das am ehesten hätte. Der Computer sagt dir, dass du den Job wahrscheinlich nicht annimmst. Nun hast du zwei Möglichkeiten: Entweder du folgst dem, was der Computer sagt, weil der Computer alles über dich weiß und du denkst, dass seine Entscheidung am besten zu dir passt oder du folgst ihm nicht, weil du einen Neuanfang brauchst, dein Leben neu gestalten möchtest und du auf Wahrscheinlichkeiten pfeifst. Im Endeffekt kann dir dieser Supercomputer deine Entscheidung und deinen freien Willen nicht nehmen. Die Verantwortung für dein Handeln und dein freier Wille liegen also immer noch allein bei dir!

Aus diesem Beispiel folgere ich, dass wir allein über unser Leben entscheiden. Weder unsere Mitmenschen, noch so ein super Alleswisser-Computer, weder Gott, noch sonst irgendeine höhere Macht, könnten bzw. können uns unsere Entscheidungen abnehmen. Wir sind also frei! Aber was bedeutet es tatsächlich frei zu sein?

Freiheit ist ein Wort, das jeder Mensch kennt. Dennoch glaube ich, dass es nicht viele Menschen tatsächlich verstehen. Verstehe mich nicht falsch, liebe/r LeserIn. Die Menschen verstehen dieses Wort nicht, nicht weil sie zu dumm sind, sondern einfach weil viele sich vor diesem Wort bzw. dieser Tatsche fürchten. Sie verschließen also ihre Augen und nehmen ihre Freiheit bewusst nicht wahr.

Frei zu sein bedeutet nämlich selbstbestimmt zu sein. Freiheit bedeutet Macht und Freiheit bedeutet den eigenen Willen durchzusetzen. Freiheit bedeutet sich so zu benehmen, wie auch immer man sich benehmen möchte, sich also zu nehmen, was auch immer man sich nehmen möchte und somit zu besitzen, was auch immer man besitzen möchte. Freiheit hat aber auch eine andere Seite! Selbstbestimmt zu sein bedeutet nämlich sich einzugestehen, auf sich alleine gestellt zu sein, sich um sich selbst zu kümmern und für die eigenen Rechte einzustehen. Tust du das nämlich nicht selbst, darfst du trotzdem nicht davon ausgehen, dass jemand anderes das für dich übernimmt. Macht klingt zwar attraktiv, jedoch bedeutet Macht gleichzeitig auch Verantwortung. Es bedeutet die eigene Macht nicht auszunutzen und anderen nicht damit zu schaden. Macht bedeutet, jederzeit zur Rechenschafft gezogen werden zu können. Freiheit ist in unserer Gesellschaft zwar positiv behaftet, kann aber auch eine Last für jedes Individuum darstellen. Ich habe jetzt bewusst das Wort „kann“ gewählt, weil ich darauf aufmerksam machen möchte, dass ich persönlich meine Freiheit genieße. Ich genieße es, etwas zu haben, was mir keiner wegnehmen kann und zwar meine Selbstbestimmung. Wir sind also frei, selbstbestimmt, haben Verantwortung und geben unserem Leben so einen Sinn.

Zusammenfassend denke ich, dass sich unsere Gesellschaft, in der die Freiheit unbewusst als nicht so positiv wahrgenommen wird, wie ich sie wahrnehme, Gedanken über Determinismus und ähnlichem macht, in der Hoffnung einen Weg zu finden der eigenen Verantwortung zu entkommen, sozusagen eine Ausrede für die Tatsache keine Verantwortung zu übernehmen. Nur bringen diese Gedanken nichts denn uns bleibt überhaupt nichts anderes übrig, als unsere Freiheit zu postulieren, damit Verantwortung zu übernehmen und nur so unserem Leben einen persönlichen Sinn zu geben. Also unser Leben lebenswert zu machen.

Leon D. Leonhartsberger

Wer von der Natur begünstigt ist, sei es, wer es wolle, der darf sich der Früchte nur so weit freuen, wie das auch die Lage der Benachteiligten verbessert. […] Niemand hat seine besseren natürlichen Fähigkeiten oder einen besseren Startplatz in der Gesellschaft verdient. Doch das ist natürlich kein Grund, diese Unterschiede zu übersehen oder gar zu beseitigen. Vielmehr lässt sich die Grundstruktur so gestalten, dass diese Zufälle auch den am wenigsten Begünstigten zugute kommen.

John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt/Main 1990 S. 122

Die Frage der Gerechtigkeit hat den Menschen in seiner langen Geschichte schon immer verfolgt, und auch ich vermag es nicht, die Antwort zu geben, die schon so viele gesucht haben. Dennoch ist der Gerechtigkeitsbegriff einer, der stets zum Nachdenken anregen muss, da wir uns mit ihm in unserem Leben, ja sogar jeden Tag konfrontiert sehen. Nicht selten kommt es vor, dass man den Satz „Das ist nicht gerecht!“ hört. Doch was ist es, das Gerechtigkeit definiert, woran man sie messen kann, wie ihr Genüge getan wird? Fragt man die betroffenen Personen, so wissen diese oft sofort, welches Unrecht ihnen widerfahren ist. Bei näherer Betrachtung wird dann aber klar, dass der Begriff, auf den man sich beruft, alles andere als eindeutig ist.

Manche würden sagen, es wäre gerecht, zuerst auf sich selbst zu schauen, dann auf die anderen. Auf der anderen Seite die, die allen die gleichen Rechte zukommen lassen wollen, ganz egal, wie sie sich verhalten, was sie für das Gemeinwohl tun, wie sehr es sie kümmert. Wieder andere berufen sich auf einen Richter, eine höhergestellte Existenz, deren Aufgabe es ist, für eine Einhaltung der von ihr festgelegten „Spielregeln“ zu sorgen. Häufig entstehen Spannungen zwischen diesen Interessensgruppen und aufgrund der gegebenen Meinungsverschiedenheiten kommt es vor, dass die ursprüngliche Intention, das gute Zusammenleben zu unterstützen, verloren geht und die darin enthaltenen Ideen missbraucht werden, nur um die eigene Bereicherung sicherzustellen. So viele Auffassungen des Gerechtigkeitsbegriffs es auch gibt, es bleibt immer gleich schwierig, auf eine Theorie als „die einzig wahre“ zu vertrauen. Dabei muss die Frage gestellt werden: „Gibt es überhaupt die Gerechtigkeit als solches, oder ist sie nur von den Menschen erfunden worden, um eine alternative Lebensweise vorzuschlagen, und nicht der natürlichen Folge leisten zu müssen?“ Es ist schließlich, wenn man das folgende Beispiel durchdenkt, sehr gut zu sehen, dass es in der Natur durchaus Vorkommnisse gibt, die die Auffassung der Gerechtigkeit vieler erschüttern und ihr teilweise entschieden widersprechen.

Erfährt ein beliebiges Lebewesen sein ganzes Leben hindurch immer wieder starke Schmerzen, großes Leid und fristet ein Dasein, das einem „guten und erfüllten“ Leben in keiner Weise gerecht wird, so kommt oft die Frage auf, wer denn das Recht hat, für eben diese Umstände verantwortlich zu sein und über das Leben anderer zu bestimmen. Dass es anscheinend kein Interesse in der Natur gibt, auf das Wohl einzelner, sondern immer auf das Überleben vieler zu schauen, zeigt, wie sehr wir uns als Menschen von diesem natürlichen und ursprünglichen Prinzip abgewandt haben. Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass es nicht Individuen gibt, die sich aus beiden Wegen, also dem naturgegebenen und dem vom Menschen geschaffenen, sich nur auf das berufen, was ihnen am besten passt. Es gibt auch diejenigen, die den Begriff der Gerechtigkeit gar nicht berücksichtigen, die eine entsprechende Richtung eingeschlagen haben, weil sie vielleicht aufgrund persönlicher Erlebnisse nichts mit diesem Aspekt anfangen können und wunderbar ohne ihn zurechtkommen. Da der Mensch allerdings ein vernünftiges Wesen darstellt, das über viele Dinge nachdenken will, kommt es vor allem im Bereich der Gerechtigkeitstheorie zu Überlegungen, wie man die Welt „besser“ machen könnte, wie es möglich ist, auf Basis der naturgegebenen Umstände dennoch dafür zu sorgen, die Verhältnisse zum Wohle aller zu verändern.

John Rawls versuchte sich in seiner „Theorie der Gerechtigkeit“ an einem Konzept, das in unserer heutigen Zeit dafür sorgen soll, dass die von uns häufig als ungerecht verteilt empfundenen naturgegebenen Fähigkeiten, die uns Lebewesen durch ihr bloßes Dasein definieren, trotz ihrer Eigenschaft, dass sie das betroffene Individuum nicht verdient hätte, dennoch zum Wohle aller verwendet werden sollten. Hervorzuheben ist vor allem, dass durch diesen Weg auch Personen geholfen wird, die aufgrund ihrer Benachteiligungen, seien sie nun körperlichen, geistigen oder anderen Ursprungs, „nichts“ zum Gemeinwohl beitragen können, und ein (möglichst) menschenwürdiges Leben gewährleistet ist. Andere häufig gesehene Theorien, die zum Beispiel „Leistung und Arbeit“ entsprechend entlohnen, vergessen gemeinhin auf diejenigen, denen diese Tätigkeiten nicht möglich sind. Nach diesen Ausführungen dürfte der Begriff der Gerechtigkeit tatsächlich einzig und allein auf den Menschen und sein vernünftiges Denken zurückgehen, denn nirgendwo sonst wird diese vollkommen „gewürfelte“ und zufällige Verteilung der positiven und negativen Eigenschaften eines Lebewesens derart hinterfragt wie bei uns, der Spezies, die sich über allem erhaben fühlt. Es sieht demnach so aus, als bestimme der Mensch selbst, wie „gerecht“ die Welt ist, in der wir leben. Man hört zwar oft, wie sehr sich jeder und jede bemüht, für eine „gute Welt für alle“ einzustehen, doch die Realität sieht dann meist anders aus, da es zwar nobel klingt, die eigenen Fähigkeiten und Vorteile auch für andere zu benutzen, doch derartigen Versprechungen müssen schließlich auch Taten folgen, um sie wahr werden zu lassen. Zu groß ist letztendlich die Verlockung, sich auf das Prinzip des mitunter radikalen „Homo Oeconomicus“ zu beziehen, durch das der eigene Nutzen und die Gewinnmaximierung erzielt wird, jedoch keine Rücksicht auf andere Existenzen genommen wird. Obwohl dies nur ein theoretisches Modell ist, geht daraus anschaulich und realistisch hervor, dass viele Menschen zuerst auf sich selbst schauen, dann erst auf die anderen und mit den eigenen vorhandenen Ressourcen möglichst gut „wirtschaften“ wollen. Wie oft dies schon der Fall war und wie oft es auch noch so sein wird, lässt sich aufgrund der zahllosen bereits vorhandenen Beispiele nur vage erahnen.

Ein weiteres Gedankenexperiment zeigt, wie einfach und zugleich unmöglich diese Verteilungsgerechtigkeit durchzusetzen wäre: Angenommen, es gäbe anfangs nur besitzlose Menschen, die auch in Bezug auf naturgegebene Eigenschaften völlig gleich sind. An sie sollen nun die „Startplätze“ vergeben werden, die ihre Ausgangslage in der Gesellschaft und im Leben bestimmen werden, so wie es auch in Wirklichkeit der Fall ist. Zwei Voraussetzungen sind allerdings allgegenwärtig: Die Personen dürfen sämtliche Ausgangslagen selbst bestimmen und es ist ungewiss, welche Leute die begehrten, welche die nachteiligen erhalten. Sicherlich würde nun jede schauen, ein möglichst gutes Los zu ziehen, um nur ja nicht schlecht wegzukommen, doch das Risiko, bei einer ungleichen Verteilung der Chancen eine unbefriedigende zu erhalten, wäre bestimmt vielen zu groß. Daher werden sich die Menschen bemühen, gleiche Bedingungen zu schaffen, damit nicht die Gefahr aufkommen kann, einer der Benachteiligten zu werden. Hieran kann man schließlich erkennen, wie schnell eine Gesellschaft der gleichen Möglichkeiten und Chancen (theoretisch) entstehen könnte, doch natürlich sind auch diese Ideen reine Gedankenspiele, die vor allem bei dem genannten Beispiel Prämissen erfordern, deren Schaffung dementsprechend wiederum als „ungerecht“ empfunden werden können, da eine Besitzlosigkeit und komplette Gleichheit der betroffenen Personen postuliert werden muss, die heutzutage beide nur durch gewaltsame Mittel erreicht werden können, es sei denn, alle Privilegierten und Nichtprivilegierten der gesamten Welt würden sich einverstanden erklären.

Dennoch sollte nachgedacht werden, inwiefern wir uns alle der Tatsache bewusst sind, dass auch äußerst privilegierte Menschen genauso gut in einer Lage sein könnten, die mit der tatsächlichen überhaupt nichts mehr gemein hat und zweifellos im Vergleich zu der guten als „ungerecht“ bezeichnet werden kann. Es ist schließlich unsere Aufgabe, dies nicht zu vergessen und auch diejenigen, die nicht so viel Glück hatten und haben, zu unterstützen und zu verstehen. Dass das Leben allgemein als nicht gerecht bezeichnet wird, ist angesichts aller erläuterten Umstände und Naturgegebenheiten durchaus gerechtfertigt, und wer, wenn nicht wir als Menschen kann einen Versuch starten, unsere Ideale und Vorstellungen der Gleichheit in einer Welt durchzusetzen, die den Begriff der Gerechtigkeit nicht kennt und ihn als überflüssig erachtet? Wir haben schon lange die Macht, all dies in eine positive Richtung zu lenken und Zustände zu schaffen, die sich viele schon so lange wünschen. Stattdessen kann es durchaus auch sein, dass trotz der Bemühungen einiger, eben jene Vorhaben durchzusetzen, die Ungerechtigkeit aufgrund des Machthungers bestimmter Existenzen immer stärker wird und obsiegt, dass der Gerechtigkeitsbegriff in der Bedeutungslosigkeit verschwinden könnte und die Welt besser dran wäre, hätte sie den Menschen niemals gesehen. Es liegt in unserer Hand. Vergessen wir das nicht.